Wüste – Der Ruf meiner Seele

Letztes Jahr zu meinem 40. Geburtstag hörte ich wieder einmal den Ruf meiner Seele. Dieses Mal rief sie mich in die Wüste. Schon viele Male war ich Wege gegangen, die ungewöhnlich waren. Wege, die meine ureigenen Wege waren und mich immer ein Stück mehr zu meinem Inneren gebracht hatten.

 

Die Wüste

Ich spürte, dass es dieses Mal um etwas Tiefes ging, das mein Leben komplett verändern würde. Auf eine Art und Weise, die mir zu dieser Zeit noch unklar war. Ich wusste, ich habe zu gehen. Auch wenn Aussenstimmen mich warnten und abrieten, ich hatte meinem inneren Ruf zu folgen. Das war für mich kristallklar. In der Vergangenheit hatte ich mich immer wieder irritieren lassen und von meiner inneren Stimme wegbringen lassen. Das war nun endgültig vorbei.

Bevor ich den letzten Schritt ging und mich zur Reise angemeldet hatte, bin ich viele Ängste, Zweifel, Misstrauen bis hin zu Todesgefühlen durchwandert. Aus all meinen bisherigen Erfahrungen wusste ich, dass es dazugehört und ein Teil meines Heilseins auf der Reise zu meinem Inneren ist. Als ich fix angemeldet war, ging für mich innerlich ein Tor auf. Ein Krafttor, das mich überschüttete mit Zuversicht, Vertrauen und Liebe.

11 Frauen, 5 Beduinen, 15 Kamele darunter eine Kamelstute mit ihrem Jungen, und ein Hund. So machten wir uns auf die Reise. 10 Tage frei von von Zivilisation, so wie wir es in der westlichen Welt kennen. Kein Handy, kein Wasser, kein Strom, kein Dach über dem Kopf. 9 Nächte im freien. Eingebettet in das Urmeer der Erdgöttin unter kristallklarem Sternenmeer. Es war eine Reise, so ganz anders, als die anderen, die ich zuvor gemacht hatte. Keine Erwartungen, keine Vorstellungen. Es war reine Neugierde, Lust und Freude auf das, was mich erwartet.

 

 

Begegnung – tiefe Liebe

Als ich den Wüstenboden das erste Mal betreten hatte, öffnete sich ein Gefühl des Friedens in mir. Ich spürte, ich bin angekommen. Ich bin zu Hause. Ich hatte noch nie zuvor so ein Gefühl verspürt. Zutiefste Sicherheit, eingebettet, geschützt, getragen von der Urmutter.

Jeder Schritt, den ich machte, war wie am Urgrund zu wandern. Die vielen Erinnerungen an den Ozean und das Meer begleiteten mich. Verbunden mit dem Schoss der grossen Mutter. So habe ich es für mich gefühlt. Warm, geborgen, getragen, gehalten, genährt.

 

Der Weg der Vergebung

Wir sind viele verschiedene Bereiche der Wüste durchwandert. In der Ebene hatten wir gestartet. Nach zwei Tagen sind wir in die Berge gewandert. Steil bergauf. Vorne ich, das Kamel hinter mir. Hitze. Rundherum Berge. Gestein. Beim gehen wurde ich immer achtsamer und in mich gekehrt. Ich hatte plötzlich begonnen zu fühlen, wie Jesus und Maria an meiner Seite waren. (ja genau, du liest richtig, ich hätte das auch kaum für möglich gehalten. Die Energie von den beiden war jedoch sehr stark für mich da). Es hat sich so angefühlt, den Weg der Kreuzigung zu gehen. Mir selbst zu VERGEBEN. Zu vergeben, für all die Grausamkeiten, Unliebsamkeiten, Zerstörungen und Verletzungen, die ich mir selbst und anderen in meinem Leben zugefügt hatte. Emotionale, oft unterschwellige, subtile Verletzungen. Es war ein Gefühl von Gnade die sich in mir ausbreitete. Ein Gefühl der Demut. Dankbarkeit meinem Leben gegenüber. Es begann in mir ruhig zu werden.

 

Kamel und Führung

Mein Kamel lehrte mich viel. Heraklon. Ein so wundervoller Name. Als ich das erste Mal auf Heraklon aufstieg, spürte ich sofort ein wohliges Gefühl. Es fühlte sich so an, also ob ich schon oft hier oben gesessen hätte. Doch war es das erste Mal. Es durchflutete Freude, Glück, Leichtigkeit und ein frei sein meinen Körper. Es wehte leichter Wind. Die Sonne strahlte. Das Zügel lag leicht in meiner Hand. Führen. Ich nahm Verbindung mit Heraklon auf, indem ich zu singen begann. Ich fühlte, wie es ihm gefiel und wie leicht und locker er dem folgte, wohin ich ihn führte. Es war ein so wundervolles Erlebnis. Es berührte mich in meinem Herzen. Ich war glücklich.

Am nächsten Morgen, beschloss ich, den ganzen Weg zu Fuss zu gehen. Ich wollte auch hier erleben, wie es sich anfühlt, wenn ich von unten wegweise. Es war anders, dennoch hatte ich Zugang zu Heraklon. Am darauffolgenden Tag begannen dann die Prüfungen. Plötzlich horchte Heraklon nicht mehr. Ich konnte machen was ich wollte. Er war widerspenstig, stur, drückte seinen Kamelkopf durch. Ich dachte mir wow.. du zeigst mir ja wirklich alle meine Facetten auf, wie ich oft mit mir selbst umgegangen war. Wie ich mich selbst geführt hatte.

Ich bemerkte, wie sensitiv Kamele sind. Wie feinfühlig sie alles wahrnehmen. Auch das zeigte mir eine Qualität meines eigenen Wesens auf, die ich lange Zeit ignoriert und weghaben wollte. Wie sich die Kamele schon am Abend einschwingen, auf das was am nächsten Tag auf sie wartet. So lernte ich geduldig zu sein. Anders zu führen. Offen zu sein, was mich das Kamel und das Leben lehrte und zeigen wollte. Vor allem, dass es eine höhere Führung gibt, der ich mich hinzugeben habe.

Die nächsten Tage war Heraklon immer im Schlusslicht. Zu Beginn war er am Anfang, wollte immer der Erste sein. Jetzt ganz hinten. Ich war ein wenig irritiert und spürte, was das mit mir innerlich machte. Welche alten Mechanismen in mir hoch kamen. Ich lernte, wie fein es ist, die Sicht aus verschiedenen Perspektiven zu haben. Mal vorne, mal hinten, mal in der Mitte. Gelassenheit zu üben. Einfach da sein.

Ich spürte, je ruhiger ich war, desto feiner war auch Heraklon. Je mehr Bewegung in mir war, desto bewegter war auch er im aussen. Interessant war auch, welche Wechselwirkung in der Geschwindigkeit zwischen uns beiden gewesen war. Je schneller er zu reiten begann, desto ruhiger wurde ich am Sattel oben und umgekehrt. Es war eine faszinierende Erfahrung.

Als wir von den Bergen wieder den Abstieg machten, spürte ich, wie Heraklon Angst hatte. Wie es gegen seine Natur war, bergab über die Steine zu gehen. Abgrund neben uns. Je mehr Vertrauen ich in ihn hatte, und ruhiger wurde, desto mehr konnte auch er loslassen und seinen Weg gehen.

Eine einzigartige Verbindung. Tier und Mensch. Es lehrte mich, achtsam zu sein, Zeit zu geben. Mir und Heraklon. Immer wieder Pausen machen. Diese gab er mir, indem er bei allen Möglichkeiten, wo „Grünes oder Sträucher“ zu fressen waren, er einfach stehen blieb. Diese Ruhe und Gelassenheit, die hat mir so gut getan.

 

Erkennen und Fühlen des inneren Reichtums

Als ich den Boden der Wüste betrat, spürte ich sofort, ich bin zu Hause. Im Laufe der Tage hatte ich immer mehr wahrgenommen, was das wandern am Urgrund mit mir machte. Ich konnte auf einmal sehen und fühlen auf welch fruchtbarem Boden wir wandelten. Ich hatte immer das Bild von der Wüste, dass sie unendlich fruchtbar und reich ist. Dies konnte ich nun mit eigenen Augen erkennen und immer mehr fühlen.

Mir wurde so bewusst, dass jedes Samenkorn ein Reichtum, der den inneren Reichtum in uns selbst wider spiegelt, ist. Die Wüste hat mir durch ihre Vielfalt, bunten Facetten und all dem unendlichen Schatz, der am Meeresgrund ausgebreitet ist, den inneren Reichtum eines jeden Menschen aufgezeigt.

Wir sind allem begegnet: gelber Sand, weisser Sand, rötlicher Sand, Sanddünen, Steine, Berge, Wüstenblumen und Pflanzen, frische Kräuter, die geduftet hatten wie auf einer Wiese bei uns in den Alpen. Bunte Farben von orange, rosa, lila über alle braun und ocker Töne. Faszination pur auf allen Ebenen. Geschliffenes Gestein, verschiedenste Formationen, die über Jahrtausende entstanden waren. All die Sinneseindrücke und Wahrnehmungen, die in diesem Moment unmöglich zu verarbeiten waren.

Fruchtbarkeit, Fülle, Leben, Schöpfung

sichtbar und fühlbar mit jedem Schritt durch die Wüste

 

Innerer Frieden und Stille hin zur goldenen Mitte

Die Wüste ist für mich ein heiliger Ort. Ist es die Sinai-Wüste oder generell die Wüste, es ist, wie es ist. Ich habe für mich die Wüste als einen Ort des „Nullpunktes“ empfunden. Nullpunkt im Sinne von Ausrichtung, von ALLES und NICHTS. Wie die Ursuppe, wo alles da ist. Fülle und Leere. Wo ich wieder auf den Punkt meiner Blaupause geführt werde. Gereinigt, ausgerichtet, angeschlossen und verbunden an das, was ich aus der Essenz meines Wesens bin. So habe ich es für mich erfahren. Zugleich hat sich dadurch ein Raum der tiefen Stille und des inneren Friedens in mir geöffnet und ausgebreitet. Die Akzeptanz und Annahme dessen, was ICH BIN. Was mein Schicksal ist, was ich als Schöpferin bin. Es hatte sich ein uralter Zyklus geschlossen. Ein neuer geöffnet.

Es hat sich so angefühlt, als wie wenn ich einen Raum betrete in dem mir all meine Versionen, die ich gelebt hatte gezeigt werden. Um zu erkennen, zu erfühlen und anzunehmen. Gleichzeitig hat dieser Raum sich gewandelt, wo es keine „Zeit“ mehr gibt und wie ein weites, ausgedehntes Meer, der Ozean, sich in mir ausbreitet.

In einem wundervollen Buch (Das Elfen Orakel von Tuatha na Sidhe) habe ich etwas über Ruhe gelesen, genau so hat es sich angefühlt:

„Die Aufhebung der Bewegung, das Ausruhen von jeder Aufregung, in der jedes innere Geräusch aufhört. Der Zustand, in dem der nunmehr schweigende Verstand sich erholen und das Herz sich in sich selbst sammeln und dem Frieden des Geistes lauschen kann.“

“ Das Geschenk die Vision des Weges, der zur Ruhe des Herzens führt.“

Es hat sich für mich so angefühlt, dass sich oben und unten miteinander verbinden und daraus die „goldene Mitte“ entstanden ist. Das heisst, Erde und Himmel haben sich vereint und in meinem Herzen zusammengeführt. Wie immer du es nennen magst: kosmisches Herz, goldene Mitte, Ursuppe, Nullpunkt, Blaupause. Es ist für mich die Heimat meiner Seele. Dort wo alles zusammenfliesst und das Menschsein seine Form annimmt.

 

Beduinen – die Männer der Wüste

Wir waren mit 5 wundervollen Beduinen unterwegs. Ich habe einen ganz anderen Einblick in die Kultur und das Miteinander erfahren. Die Männer unter sich hatten einen so liebevollen Umgang, so wie ich es zuvor noch nicht gesehen und erlebt hatte. Das war für mich berührend. Es hat für mich viel geöffnet, was wahrhaftig ist, und hinter den Dingen, das wir so gar nicht mitbekommen. Eine Nähe und Achtung, die sich so gut anfühlte.

Die Beduinen hatten für uns gesorgt. Sie hatten uns geführt, Essen gekocht, Feuer gemacht, Kamele versorgt, gesungen, gelacht, getanzt. Sie liessen uns Teil haben an dem, was sie sind. Männer der Wüste. Einfach, klar, herzvoll. Sie waren für uns da.

Kommunikation ist für sie das Um und Auf. Der Schlüssel zu Allem. Kommunikation in Wort, Gesten, Körper, ganzheitlich. Gelassenheit ist für sie ihr Normal-Zustand. Mit welch einer Ruhe und Hingabe sie alles verrichteten. Da brauchte das Essen schon mal zwei Stunden. Das ist in Ordnung. Es ist ja Zeit. Es wird zelebriert. Hier konnte ich viel für mich mitnehmen.

 

Frauenkreis

Jeden Morgen nach Sonnenaufgang waren wir 11 Frauen, WüstenKöniginnen, zusammengekommen. Es tat so gut, in seiner eigenen Art, gemeinsam zu sein. Den Raum zu geben, da zu sein, für das was gerade war. Sich austauschen, wie es einem gerade geht, von Herzen sprechen, das tief berührt und bewegt. Lauschen. Ich bin tief dankbar für dieses Geschenk der WüstenKöniginnen. Wir hatten so ein achtsames, liebevolles, tragendes und haltendes Miteinander. Ich spürte, wie durch unseren Umgang und unser gemeinsames Sein, neue Netze für das grosse Ganze gewebt wurden. Durch unser SEIN.

Morgenübungen, Austausch, eine Frage mit in den Tag und so ging es los. Die Tage waren unterschiedlich. Ein buntes Buffet mit all meinen Gefühlsköstlichkeiten waren mit dabei. Tiefe Freude, Lust am Leben, Staunen, Neugierde, Demut, Traurigkeit, Tränen, Berührtheit, Verbundenheit, Stille, Frieden, Spiegelungen und noch vieles mehr. Ich bin die Skala aller Gefühlsköstlichkeiten von oben nach unten und unten nach oben durchgewandert. Das was lieb:

LIEBE, LEBENSFREUDE, REICHTUM, KLARHEIT, HEIMKOMMEN

Dann war da noch meine Wüstenschwester. Julia. (in der Mitte vom Bild) Sie war die ganze Reise über meine „Schwester“. Hat mich begleitet. Hat mir ihre Zeit, ihre Aufmerksamkeit, ihre Ohren, ihr Herz und ihr Wesen geöffnet und geschenkt. Sie ist an meiner Seite gewandert. Hat mich bereichert, erfüllt und beseelt. DANKE dir. Es hat alles erwärmt, erhellt und Raum gegeben.

 

Weniger ist mehr – zurück zur Einfachheit

Kein Wasser, keine Dusche und dennoch fühlte ich mich so rein und sauber, wie schon lange nicht mehr. Kein Handy, keine Kommunikationsmittel, so befreiend und beglückend. Einfaches Essen, so lecker und schmackhaft. Freie Natur, Sternenhimmel, klare Luft, eingebettet in den Urschoss von Mutter Erde. So sicher, geschützt, getragen und geborgen habe ich mich zuvor noch nicht gefühlt.

Um glücklich zu sein, braucht es so wenig. Das was ich weiss, das ich für mich brauche, ist das verbunden sein mit mir selbst. Die Heimat und Sicherheit in mir, in meinem Herzen zu spüren und fühlen. Das ist genug. DA SEIN.

Die Wüste. So eine Vielfalt, Reichtum, Geschenke. Worte können all das was ich in diesen 10 Tagen erlebt habe mit diesen bereichernden, wundervollen Menschen und Wesen, nicht ausdrücken. Ich fühle mich voll, wie ein Kelch, der übersprudelt vor glitzerndem, strahlendem Gold. Es war das genialste Abenteuer, das mir bis jetzt in meinem Leben geschehen ist. Ich bin mir selbst unendlich dankbar, dass ich der Stimme und dem Ruf meines Herzens gefolgt bin.

Ich bin, die ich bin.
Ich bin Königin.
Dienende meines inneren Reiches.

 

Meine Botschaft

Sei mutig, und folge deinem Herzen. Springe. Traue dich. Gehe raus aus deiner Komfortzone. Wage neue Wege. Neue Abenteuer. Es führt dich wieder einen Schritt mehr zu dir selbst. Zu dem was du wahrhaftig bist. Ein kristallin glitzerndes Wesen, das Wunder LEBEN.

 

Fotos von Daniela Lukasser, Julia Lassner, Gerlinde Luger